Online-Lebensmittelhandel boomt vor dem Hintergrund massiver Veränderungen

Das Wachstum des Onlinehandels hat auch vor Lebensmitteln nicht Halt gemacht. Die Zahlen zeigen stark nach oben, gleichzeitig ist der Markt disruptiven Veränderungen unterworfen. Das zeigt die Studie "Online Grocery Strategy: A Reality Check for Disruptors and Incumbents" der internationalen Unternehmensberatung Bain Company.

Demnach haben 2021 Kapitalgeber weltweit rund 14 Milliarden Dollar (rund 13,4 Mrd. Euro) in Quick-Commerce-Anbieter investiert. Zudem verschwimmen durch Aggregatoren laut der Erhebung zunehmend die Grenzen zwischen Essenslieferungen und Lebensmittelbestellungen.

Hohes Wachstum

"Dabei müssen sowohl die Herausforderer als auch die traditionellen Handelskonzerne ihre Kapazitäten erweitern, um das hohe Wachstum in diesem Segment zu bewältigen", schreibt Bain in einer Zusammenfassung. So werde der deutsche Markt bis 2026 auf voraussichtlich 14 Mrd. Euro zulegen. Das entspreche dem 2,1-fachen des bisherigen Höchstwerts während der Pandemie. Im selben Zeitraum dürfte das Volumen in den USA sogar auf 178 Mrd. US-Dollar und in China auf mehr als 628 Mrd. US-Dollar steigen.

Lieferservices weiter stark genutzt

"Der Online-Lebensmittelhandel hat sich rund um den Globus zu einem milliardenschweren Wachstumsmarkt entwickelt, denn immer mehr Menschen nutzen die Lieferservices auch nach den coronabedingten Lockdowns", erklärt Studien-Co-Autor Miltiadis Athanassiou. "Die jüngsten Investitionen in die Sofortlieferdienste bedeuten aber keineswegs, dass die neuen Anbieter zwangsläufig die Oberhand gewinnen." Alle Marktteilnehmer würden vor der gleichen Herausforderung stehen, nämlich sich im Wettbewerb zu behaupten und langfristig profitabel zu sein.

Omnikanal-Anbieter im Vorteil

Die Bain-Autoren haben drei Gebiete identifiziert, die das Geschäftsmodell aller im Online-Lebensmittelhandel engagierten Unternehmen künftig beeinflussen werden: Das sei einmal, dass Omnikanal-Anbieter von Größenvorteilen und Kundennähe profitieren. Trotz der Bequemlichkeiten des Internets kaufen die meisten Onlineshopper gemäß der Erhebung weiterhin parallel im klassischen Lebensmitteleinzelhandel ein. In Frankreich gelte das für 93 Prozent der Kundschaft, und selbst im weit entwickelten Onlinemarkt China seien es noch 89 Prozent. Die etablierten Handelskonzerne, die über ein Omnikanal-Profil verfügen, würden daher von ihren Größenvorteilen und einer engen Kundenbindung profitieren. Sie kennen die Bedürfnisse und Einkaufsgewohnheiten der Verbraucherinnen und Verbraucher, da sie ihnen ein breiteres Angebot offerieren. Laut Studie gibt die Omnikanal-Kundschaft in den USA im Monat durchschnittlich 131 Dollar für Lebensmittel aus - reine Onlineshopper kaufen für 79 Dollar ein. Wer hingegen ausschließlich den stationären Einzelhandel nutzt, lässt dort monatlich im Schnitt lediglich 63 US-Dollar. Zudem ist laut Bain die Kundenloyalität im Omnikanal-Segment deutlich höher als die bei reinen Online- oder Offlinekäufern. Ein weiterer Vorteil seien die engen Geschäftsbeziehungen, in denen die Konsumgüterhersteller mit den großen Omnikanal-Anbietern stehen. Diese würden mit ihnen mehr Umsatz erzielen. Ebenso sei die Rentabilität besser - die Gewinnspanne (EBITDA) ist laut Bain mit 17 bis 22 Prozent etwa doppelt so hoch wie beim reinen Absatz über Onlinekanäle.

Niedrigere Gewinnmargen im Onlinehandel

Weiters müssen alle Marktteilnehmer ihre Profitabilität verbessern. Das rasche Wachstum des Onlinehandels sorge bei den etablierten Handelsketten für ein Rentabilitätsproblem. Denn in diesem Vertriebskanal seien die Gewinnmargen deutlich niedriger als im stationären Handel. "Hier können die traditionellen Marktführer von den Herausforderern lernen, denn diese fordern inzwischen etwa ein Mindesteinkaufsvolumen oder verlangen für ihre Onlineservices Gebühren", schreiben die Studienautoren.

Darkstore-Modelle noch nicht flächendeckend profitabel

Doch auch die Quick-Commerce-Anbieter würden ein strikteres Kostenmanagement brauchen. Ihre Darkstore-Modelle (Direktverkauf aus dem Warenlager) seien nach wie vor nicht flächendeckend profitabel. Die Aufwendungen für die Akquise neuer Kundinnen und Kunden bleiben durch Rabattaktionen auf hohem Niveau. Vor diesem Hintergrund müssen die Sofortlieferdienste den Umsatz pro Bestellung steigern, ihren Darkstore-Absatz und die Lieferfrequenz erhöhen sowie die Servicequalität weiter verbessern. Zudem könnten sie ihren Angebotsmix auf den Nicht-Lebensmittelbereich ausweiten und über Kooperationen mit etablierten Anbietern nachdenken.

Automatisierte Auftragsabwicklung gefragt

Drittens wird eine effiziente Auftragsabwicklung und Lieferung ein Kernthema bleiben. In den nächsten Jahren müssen laut Studie alle Marktteilnehmer angesichts der schnell steigenden Nachfrage ihre Lieferkapazitäten erheblich ausbauen. "Um sich im Wettbewerb zu behaupten, benötigen die Lebensmittelhändler für ihre Wachstumspläne unterschiedliche regionale Modelle, die sich nach der Bevölkerungsdichte des Einzugsgebiets richten", erklärt Retail-Expertin Marie-Therese Marek. "Zusätzlich zu den bisherigen Click-and-Collect-Lösungen im stationären Geschäft sollten sie sich stärker auf eine automatisierte Auftragsabwicklung bei Zusammenstellung und Verpackung der Produkte konzentrieren."

Neue Services als Mehrwert

"Gebot der Stunde ist, mutig in neue Services und Hightech-Lösungen zu investieren und sich so vom Wettbewerb abzusetzen." Dabei seien in wichtigen Märkten auch Kooperationen und Beteiligungen denkbar", betont Studienautor Athanassiou. "Im Rahmen einer Konsolidierungswelle könnten auch Übernahmen auf der Agenda der großen Handelskonzerne stehen."

Quelle: APA